Montag, 8. Oktober 2012

11. Bericht


Von unserem Aufenthalt an dem kleinen See im westlichen Connecticut fuhren wir durch New Haven, Sitz der Yale Universitaet - der aeltesten Uni Neuenglands -, deren Gebaeude im altenglischen Stil erbaut wie trutzige Ritterburgen aussehen. Im oestlichen Landesteil besuchten wir die Reservate der Mohegan - und der Mashantuckett Pequot - Indianer, die beide riesige supermoderne Casinos betreiben, auf deren Parkplaetzen man mit dem Womo uebernachten kann.
 
 
Die Pequot besitzen ausserdem ein wunderbares Museum, das das traditionelle wie auch gegenwaertige Leben ihres Stammes erlaeutert. Ein sehr spannender und bewegender Film schildert, wie hier wieder einmal ein Indianerstamm von den Weissen fast voellig ausgerottet wurde.


Durch das wasserreiche Rhode Island gings nach Massachusetts zur Halbinsel Cape Cod, dem bevorzugten Naherholungsgebiet der Bostoner, wo auch die Kennedy-Familie in Hyannis Port ihr Sommerhaus hat. An der Nordspitze von Cape Cod landeten die „Pilgrim Fathers“ 1620 fuer einen kurzen Aufenthalt, bevor sie die Cape Cod Bay ueberquerten und sich endgueltig in Plymouth auf dem Festland niederliessen. Dort in Plymouth konnten wir einen Nachbau der „Mayflower“ besichtigen, auch sie ueberraschend klein fuer 102 Menschen, die ohne jede Privatsphaere wochenlang ausharren mussten. Lediglich der Kapitaen, der Schiffsarzt und der Navigator hatten eigene, winzige Kabinen.


„Plimoth Plantation“ ist ein Nachbau der ersten englischen Siedlung etwas ausserhalb der Stadt. Die kleinen Holzgebaeude, ueberwiegend 1Raumhaeuser, sind mit echtem Mobiliar ausgestattet und besitzen alle einen kleinen Garten.




Der Boden besteht aus festgestampftem Lehm, gekocht wird auf offenen Feuerstellen. Originalkostuemierte Darsteller „leben“ im Jahr 1627. Wir konnten Maenner bei der Balkenbearbeitung und beim Dachdecken beobachten und Frauen beim Naehen, bei der Gartenarbeit oder beim Beaufsichtigen des Federviehs. Einige hielten auch einfach nur ein Schwaetzchen.










Wir konnten mit vielen „Einwohnern“ sprechen und sie erzaehlten uns, woher sie stammten und wie lange sie schon in der neuen Heimat lebten . „Since sixteen three and twenty“! Sie sprachen ein altmodisches Englisch und waren daher, obwohl nicht immer leicht zu verstehen,  sehr authentisch.
Nicht weit entfernt, in Boston, konnten wir schliesslich einen weiteren Meilenstein der Geschichte des amerikanischen Kontinents nachvollziehen. Durch das Zentrum der Stadt, in dem historische Gebaeude neben modernen Wolkenkratzern einen durchaus harmonischen und spannenden Eindruck hinterlassen, zieht sich der durch einen roten Strich auf dem Pflaster markierte „Freedom Trail“.






Er fuehrt vorbei an Orten, die den Beginn und wesentliche Ereignisse des Unabhaengigkeitskrieges der amerikanischen Kolonisten gegen das englische Mutterland bezeichnen. Wir liefen vorbei am State Capitol mit seiner goldenen Kuppel und an Kirchen, in denen sich die Aufstaendischen versammelten, um sich gegen den immer staerker werdenden Druck und die Bevormundung Englands zu erheben. Wir sahen das Haus von Paul Revere, einem Helden des Unabhaengigkeitskampfes, der mitten in der Nacht durch feindliches Gebiet ritt, um die amerikanischen Truppen vor einem englischen Angriff zu warnen und die Old North Church, in deren Turm 2 Lampen entzuendet wurden als Zeichen fuer Paul Revere loszureiten.



 
Im Hafen schliesslich liegt das Tea Party Schiff, von dem erboste Bostoner als Indianer verkleidet Teekisten ins Meer warfen, um so gegen die von England massiv erhoehten Einfuhrsteuern auf Tee zu protestieren.




Im noerdlich an Massachusetts angrenzenden laendlich beschaulichen New Hampshire war es wieder einmal die wunderschoene Landschaft, die uns erfreute. In den White Mountains, einem ausgedehnten Waldgebiet,  konnten wir herrliche Wanderungen zu Wasserfaellen und einer engen Felsenschlucht machen, durch die ein schaeumender Fluss zu Tale stuerzt und zu hochgelegenen Aussichtspunkten, die einen weiten Blick ueber das umliegende Bergland bieten.










Sogenannte „Covered Bridges“ sind charakteristisch fuer die Gegend, die Ueberdachung sollte angeblich die Lebensdauer der hoelzernen Bruecken erhoehen.


In den White Mountains befindet sich mit dem Mount Washington die hoechste Erhebung Neuenglands, ein fuer seine hohen Windgeschwindigkeiten und tiefen Temperaturen beruechtigter Berg, zu dessen Fuessen ein 1902 errichtetes  Luxushotel davon Zeugnis ablegt, dass diese Gegend bereits vor ueber 100 Jahren ein geschaetztes Urlaubsziel war.


In Canterbury, nahe am Lake Winnipesaukee gibt es ein noch weitgehend erhaltenes Dorf der Shaker, einer Untergruppe der Quaker, die ihren Namen der Tatsache verdanken, dass sie ihren Gottesdienst durch tanzende Bewegungenen gestalten. Die Shaker lebten zoelibataer in abgeschlossenen, eigenstaendigen Gemeinden, praktizierten Pazifismus und die Gleichberechtigung der Geschlechter, wohnten in Gemeinschaftshaeusern und erledigten alle anfallenden Arbeiten gemeinsam nach einem festgelegten Wochenplan. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie durch Landwirtschaft und den Verkauf von Kraeutern, medizinischen Produkten und handwerklichen Erzeugnissen. Sie lebten nach der Devise „ die Haende zum Arbeiten und die Herzen fuer Gott“ und legten grossen Wert auf effiziente und sorgfaeltige Arbeit. Daher waren ihre Produkte wegen ihrer hohen Qualitaet damals wie auch heute noch sehr begehrt. In die ovalen, aus wunderschoen gemaserten Hoelzern handgefertigten Dosen habe ich mich auf Anhieb verliebt. Die Kombination von Effizienz und Aesthetik in Architektur, Moebelbau und Kunsthandwerk waren wegweisend. Anders als die Amish waren die Shaker technischem Fortschritt gegenueber sehr aufgeschlossen und erfanden u. a. eine Waschmaschine, eine Strickmaschine und die Kreissaege –letztere uebrigens von einer Frau. Die letzten hier lebenden Shaker Schwestern wandelten das Dorf 1964 in eine Art Freilichtmuseum und Nationales Historisches Wahrzeichen um, so dass es nun besichtigt werden kann.
Langsam hielt der Herbst Einzug mit morgendlichem Nebel, kuehlen Naechten, doch tagsueber oft mit klarem, strahlend blauen Himmel und den ersten Anzeichen der Laubfaerbung des Indian Summer. Die Stimmung entsprach genau der des „Septembermorgen“s von Eduard Moerike. Zuegig durchquerten wir Maine nach Norden in Richtung Kanada und verliessen nach gut 3 Monaten Fahrt durch den Sueden und Osten die USA.  Nach den grossartigen Naturerlebnissen, die wir im letzten Jahr im Westen hatten, kam hier die historische Komponente zusaetzlich zum Tragen. Intensiv und hautnah konnten wir wichtige Perioden und Ereignisse der amerikanischen Geschichte kennenlernen und nachempfinden und so ein sehr viel besseres Verstaendnis erwerben als es reines Nachlesen ermoeglicht haette.

In Kanada wollten wir noch den Teil der Atlantikprovinzen besuchen, den wir auf dem Hinweg im letzten Jahr noch nicht gesehen hatten. Im kanadischen Bundesstaat Quebec mussten wir uns erst wieder an das „komische“ Franzoesisch gewoehnen und an die hoeheren Preise, die besonders bei Milchprodukten, Obst und Gemuese ins Gewicht fallen. An der Stadt Quebec vorbei folgten wir dem St. Lorenz Strom meerwaerts zur Halbinsel Gaspe (Den franzoesischen Akzent auf dem e habe ich leider nicht auf der amerikanischen Tastatur). Hier merkten wir zum ersten Mal ganz deutlich, wie gross der Einfluss des Wetters auf  das Erleben der Landschaft ist. Am ersten Tag fuhren wir bei Regen und dunklen Wolken und bedauerten sehr, dass wir von der eigentlich reizvollen Landschaft wenig sahen. Danach hatten wir tagelang strahlenden Septemberhimmel und die Sonne liess die Farben leuchten. Wir genossen die Landschaft mit ihren kleinen Strassendoerfern, die alle nahezu ineinander uebergehen, den pastellfarbenen Haeusern, kleinen Leuchttuermen und geschuetzten Buchten.









An der Grenze zur Provinz New Brunswick suchten wir ein sogenanntes Welcome Centre auf und versorgten uns mit viel Informationsmaterial. Dieses System der Informationszentren an den Grenzen der einzelnen Bundesstaaten bzw. Provinzen in den USA und Kanada ist fuer Reisende sehr hilfreich. Es gibt kostenlos Karten und Broschueren, Verzeichnisse von Unterkuenften, Restaurants und Einkaufsmoeglichkeiten, Stadtplaene sind ebenso erhaeltlich wie Infos zu National und State Parks. Das Personal gibt bereitwillig Auskunft zu Sehenwuerdigkeiten und zu individuellen Fragen, es gibt oft sogar wifi. Solche touristenfreundlichen Einrichtungen vermissen wir in Deutschland und Europa schmerzlich.
Wir befuhren die Kueste New Brunswicks in oestlicher Richtung und gelangten in das Gebiet der Akadier, die hier und in Nova Scotia leben. Diese im 18. Jhdt aus Frankreich eingewanderte Gruppe hat sich bis heute einen Teil ihres franzoesischen Erbes und ihrer eigenstaendigen Kultur bewahrt. Sie sprechen franzoesisch, haben eigene Schulen und sogar eine eigene Flagge, die franzoesische Trikolore mit einem gelben Stern im blauen Feld, der Maria, die Schutzpatronin der Akadier, symbolisiert. Ihre Haeuser kann man an ebendieser Flagge oder am fuenfzackigen akadischen Stern an der Hausfront erkennen. Bei Caraquet besuchten wir ein historisches Dorf der Akadier, auch in Kanada wird „Living History“ praktiziert.
Da wir noch Zeit genug hatten, ueberquerten wir kurzentschlossen die 13 km(!) lange Confederation Bridge, die das Festland mit Prince Edward Island verbindet.






Bei Traumwetter erwartete uns eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch: ordentliche Kartoffel- und Maisfelder, Weiden mit grasenden gefleckten Kuehen, Schafen und Pferden, bunte  verstreut liegende Spielzeughaeuschen und kleine Haefen mit Fischerbooten. 











Leuchttuerme und Windraeder und ueberall die leuchtend orangefarbenen Kuerbisse vervollstaendigten das Bild der laendlichen Idylle.







Auf diesem beschaulichen Fleckchen Erde spielt die Geschichte von „Ann of Green Gables“ , ein Kinderbuchklassiker vom Anfang des 20. Jhdts., von dem ich bisher noch nichts gehoert hatte, der aber weltweit sehr populaer sein soll.  In dem kleinen Ort Cavendish steht immer noch das Haus mit den gruenen Giebeln, das als Vorlage fuer das Buch gedient hatte, und ist nach der Beschreibung der Autorin Lucy Maud Montgomery eingerichtet. Scharenweise bzw. busweise stroemen die Touristen hierher, selbst jetzt in der Nachsaison sind noch erstaunlich viele Ann-Fans hier. 






Auch kulinarisch hat Prince Edward Island einiges zu bieten. Fuer frische Austern und Hummer ist die Insel bekannt, erstere moegen wir nicht und letztere sind so umstaendlich zu essen, aber an Fish and Chips, Seafoodchowder und gegrilltem Lachs taten wir uns guetlich.
Zurueck auf dem Festland wurde uns in aeusserst unangenehmer Weise bewusst gemacht, dass es dort offensichtlich langanhaltend geregnet hatte.  Auf der Zufahrt zu einem Campingplatz wollte Werner den grossen Pfuetzen auf dem Weg ausweichen und geriet dadurch auf den Rasen, der jedoch –was wir nicht erkennen konnten - weich wie ein vollgesogener Schwamm war. Die Raeder versanken im aufgeweichten Untergrund und jeder Versuch, dort wieder heraus zu kommen, liess das Wohnmobil immer mehr zur rechten Seite kippen. Erst als wir aus dem Auto herausgeklettert waren und die Bescherung von aussen sahen, blieb mir fast das Herz stehen. Das Womo lag so schraeg auf der Seite, dass es aussah, als wuerde es jeden Moment umkippen. Ein Abschleppwagen musste gerufen werden, der uns aus dem Schlamassel wieder rauszog und dafuer 75 CAD kassierte. Wenn man es mal positiv sehen will, muss man sagen, es war wenigstens trocken und leidlich warm, waehrend wir auf den Abschleppdienst warteten.




Einen abschliessenden landschaftlichen Hoehepunkt hatten wir uns von Cape Breton Island, dem Nordzipfel Nova Scotias, versprochen. Der Cabot Trail dort soll eine der schoensten Panoramastrecken der Welt sein. Das ist zwar ein etwas anspruchvoller Titel, aber die Strecke ist doch recht reizvoll. Noch reizvoller waere sie sicher bei vollem Sonnenschein gewesen, wir waren schon dankbar, dass es zwar bedeckt aber weitgehend trocken blieb.






Im Cape Breton Highlands National Park wanderten wir ueber den Skyline Trail zu spektakulaeren Ausblicken uebers Meer und die gewundene Strasse. Und endlich sahen wir auch Elche!! Eine Elchkuh und ihr Junges liefen nur wenige Meter vor uns ueber den Weg; dass die Tiere soo gross sind, hatte ich nicht vermutet. Das Jungtier war so gross wie ein Pferd, die Mutter noch um einiges groesser.






Kurz darauf sahen wir beim Weiterfahren am Strassenrand einen Elchbullen, der aber sofort wieder im Wald verschwand, als Werner bremste. So konnte ich leider kein Foto von ihm schiessen.
Im Ostteil der Insel liegt Louisbourg. Dort hatten im 18. Jhdt. die Franzosen eine befestigte Hafenstadt errichtet, um die Zufahrt zum St. Lorenz Strom und damit ins Innere Kanadas zu kontrollieren. Im englisch-franzoesischen Krieg wurde die Befestigung zweimal von den Englaendern erobert und beim zweiten Mal voellig geschleift. Nach archaeologischen Befunden und schriftlichen Aufzeichnungen der Zeit wurde ein Teil der Stadt und der Befestigungsanlage rekonstruiert und kann jetzt als „Living History“ besichtigt werden.






Da bereits Nachsaison war und entsprechend wenig Touristen den Ort besuchten, hatten wir nicht nur Gelegenheit, uns das Innere der Haeuser in aller Ruhe anzusehen, sondern auch  uns ausfuehrlich mit  vielen der „Bewohner“ zu unterhalten. Im Haus des Ingenieurs erzaehlte uns ein Akadier nicht nur viel Historisches , sondern berichtete auch ueber die heutige Situation der Akadier. Die Koechin im gleichen Haus, eine sehr alte Dame mit kleidsamem Haeubchen, fuehrte lebhaft ihre Kuechengeraete und ihre gerade kochenden Speisen vor, ein floetespielender franzoesischer Seemann berichtete von seinen Lebensumstaenden, der Schiffskapitaen tratschte mit einem Moench und erzaehlte uns von den Schwierigkeiten, den Hafen bei schlechtem Wind zu verlassen. Von einem Schweizer Soeldner erfuhren wir, dass die Franzosen Schweizer angeworben hatten, die beim Aufbau der Befestigung helfen und im Kriegsfall gegen die Englaender kaempfen sollten. Ein einfacher franzoesischer Soldat berichtete mit trockenem Humor, dass er wie viele andere, mit dem Versprechen von reichlich Sold, gutem Essen und schoenen Frauen nach Uebersee gelockt worden sei. In der Realitaet war der Sold gerade ausreichend fuer das Notwendigste; koennte er seine Schulden beim Hauptmann nach Ablauf der Verpflichtungsfrist von 6 Jahren nicht zurueckzahlen, wuerde er sogleich fuer 6 weitere Jahre zwangsverpflichtet. Die Hauptverpflegung bestand aus einem Laib Schwarzbrot und die Anzahl der Frauen vor Ort war so gering, dass auf 5 Maenner nur eine Frau kam, gelegentlich war das Verhaeltnis sogar 10 zu 1. Der Gouverneur der Festung lebte dagegen, wen wundert’s, fuerstlich und bequem.














Ueber eine schoene Strecke am Bras d’Or Lake entlang erreichten wir wieder das Festland. Der Indian Summer hat zwar seinen Hoehepunkt noch nicht erreicht, doch sind die Waelder schon recht bunt und lassen erahnen, wie es in 2 Wochen hier aussehen wird.






An der Ostkueste Nova Scotias gings dann nach Lunenburg, wo wir bereits im letzten Jahr im Mariner King, dem Restaurant des aus Horstmar stammenden Konrad Haumering, unsere Reise mit einem koestlichen Menu begonnen hatten. Auch den Abschluss unserer Tour wollten wir hier feiern. Konrad Haumering erkannte uns auf Anhieb wieder und hat sich sichtlich gefreut, uns wiederzusehen, und das Essen war ebenso koestlich wie damals.
Auf der Fahrt zu unserem jetzigen Standort passierten wir den kleinen Ort Mahone Bay, in dem gerade das „Crowscare Festival“ stattfindet. Die Einwohner hatten ihre Haeuser und Vorgaerten mit fantasievoll herausgeputzten Vogelscheuchen dekoriert, sehr lohnende Fotomotive.








Nun bereiten wir das Womo und uns in der Naehe von Halifax auf die Heimreise vor und hoffen auf einen sonnigen Oktober.... damit uns zu Hause die anfallende Gartenarbeit leichter faellt.